Zwei Welten, zwei Visionen – was steckt wirklich dahinter?
Wer sich heute mit Blockchains beschäftigt, trifft auf eine bunte und oft verwirrende Landschaft. Hunderte von Projekten werben mit revolutionären Versprechen, riesigen Ökosystemen und scheinbar endlosem Wachstum. Doch hinter dieser Vielfalt stecken zwei grundlegend unterschiedliche Entwicklungsmodelle, die sich in ihrer Philosophie, ihrer Finanzierung und langfristig auch in ihrem Verhalten sehr stark voneinander unterscheiden: native Blockchains auf der einen Seite und VC-Blockchains auf der anderen.
Dieser Artikel erklärt, was diese beiden Modelle ausmacht, wo sie sich unterscheiden und warum dieser Unterschied für jeden, der sich ernsthaft mit Blockchain-Technologie auseinandersetzt, relevant ist.
Zwei Welten, zwei Ursprünge
Um zu verstehen, was native Blockchains und VC-Blockchains voneinander trennt, lohnt sich ein Blick auf ihre jeweiligen Ursprünge. Denn die Art, wie ein Blockchain-Projekt entsteht und finanziert wird, prägt alles, was danach kommt – von der Tokenverteilung über die Governance bis hin zur langfristigen Stabilität.
Native Blockchains: Aus Ideen entstanden
Native Blockchains sind Blockchain-Netzwerke, die nicht durch externe Investoren oder Risikokapitalfirmen finanziert wurden. Sie entstehen aus einer technischen oder gesellschaftlichen Überzeugung heraus – oft getrieben von Entwicklern, Visionären oder kleinen Gemeinschaften, die an eine bestimmte Idee glauben.
Das wohl bekannteste Beispiel ist Bitcoin. Satoshi Nakamoto hat Bitcoin nicht gegründet, um Investoren zu bereichern oder ein Unternehmen aufzubauen. Die Idee war es, ein dezentrales, manipulationsresistentes Geldsystem zu schaffen, das unabhängig von Banken und Regierungen funktioniert. Es gab keine Investorenrunden, keine frühen Tokenverkäufe an privilegierte Käufer und keine Firmenstruktur im Hintergrund.
Ein weiteres Beispiel aus dem heutigen Ökosystem ist Infinity Economics (XIN). Dieses Projekt wurde aus denselben Grundüberzeugungen wie Bitcoin heraus entwickelt – mit dem Ziel, zusätzliche Features bereitzustellen und gleichzeitig echte Dezentralität zu wahren. Ein wesentlicher Grundsatz dabei: Alle Token sollten bereits beim Entstehungsprozess der Blockchain vollständig erstellt werden. Um die Token möglichst fair und breit zu verteilen, wurde im Vorfeld gezielt eine Community aufgebaut. Die Menschen, die mitmachten, konnten sich nicht durch Venture-Capital an der Entwicklung beteiligen, sondern beim Aufbau der Community selbst mitwirken. Die eingehenden Mittel flossen zu über 80 Prozent über ein Affinity-System wieder an die Community zurück.
Infinity Economics ist damit, wenn man so will, eine minimale Mischform: Es gab eine bewusste Phase des Community-Aufbaus vor dem Launch – aber keine klassische Investorenrunde, keine privilegierten Frühinvestoren und keine Firmenstruktur hinter der Blockchain selbst. Der Ansatz bleibt im Kern dem nativen Modell treu: keine Investor-Token, kein externer Renditedruck und kein Kapital, das Renditeerwartungen in das Projekt hineinträgt. Stattdessen stehen Dezentralität, Sicherheit, Unabhängigkeit, Manipulationsresistenz und Community-getriebene Entwicklung im Mittelpunkt. Das Wachstum ist organisch und entsteht aus echtem Bedarf.
VC-Blockchains: Aus Kapital entstanden
VC-Blockchains – also durch Venture Capital finanzierte Blockchains – folgen einem anderen Modell. Hier stehen am Anfang oft Gründerteams mit einer technischen Vision, die sich durch professionelle Investorenrunden Kapital sichern. Venture-Capital-Firmen, Angel-Investoren oder strategische Partner erhalten im Gegenzug frühe Token-Zuteilungen zu günstigen Konditionen.
Solche Projekte starten mit erheblich mehr Ressourcen: grosse Marketingbudgets, bezahlte Entwickler, Ökosystem-Förderprogramme und oft von Beginn an eine starke mediale Präsenz. Bekannte Beispiele für VC-finanzierte Blockchain-Projekte sind Solana, Aptos oder Sui – Projekte, die innerhalb kurzer Zeit grosse Ökosysteme aufgebaut haben.
Wichtig zu betonen: Venture Capital ist in der klassischen Wirtschaftswelt ein völlig legitimes und verbreitetes Finanzierungsmodell. Unternehmen wie Apple, Google oder Airbnb wurden mit Risikokapital gross. VC ermöglicht schnelles Wachstum und kann Innovation beschleunigen. In der Blockchain-Welt entsteht durch dieses Modell jedoch eine besondere Dynamik, die sich von traditionellen Unternehmen deutlich unterscheidet.
Unterschiedliche ökonomische Dynamiken
Das jeweilige Finanzierungsmodell hat direkte Auswirkungen auf die wirtschaftliche Entwicklung eines Blockchain-Projekts. Native und VC-Blockchains wachsen auf sehr unterschiedliche Weise.
Organisch versus subventioniert
Native Blockchains wachsen in der Regel langsamer. Es gibt kein grosses Marketingbudget, das Aufmerksamkeit erkauft, und keine Incentive-Programme, die Nutzer mit Token-Prämien anlocken. Wachstum entsteht, weil Menschen das Netzwerk tatsächlich nutzen wollen – aus Überzeugung, wegen technischer Vorteile oder wegen der Community, die dahintersteht. Dieser Prozess ist langsamer, aber er erzeugt eine Art Nutzung, die nicht sofort wieder verschwindet, sobald der Anreiz ausbleibt.
VC-Blockchains hingegen können von Beginn an auf sogenannte «subventionierte Nutzung» setzen. Das bedeutet: Nutzer werden mit finanziellen Anreizen – etwa Token-Rewards, Gebührenrückerstattungen oder Förderprogrammen – dazu gebracht, das Netzwerk zu verwenden. Das erzeugt schnell beeindruckende Nutzungszahlen, und die Aktivität auf der Chain sieht auf den ersten Blick sehr vielversprechend aus.
Diese subventionierte Nutzung ist jedoch keine organische Nachfrage. Sie ist eine Art «geborgter Aktivität», die so lange anhält, wie der finanzielle Anreiz besteht – und in vielen Fällen nicht länger.
Warum viele VC-Blockchains langfristig Probleme bekommen
Trotz milliardenschwerer Finanzierung stehen viele VC-Blockchains langfristig vor ernsthaften Herausforderungen. Das liegt nicht daran, dass ihre Technologie schlecht wäre – oft ist sie technisch beeindruckend. Das Problem liegt tiefer: in der Struktur der Anreize und in den Erwartungen der Beteiligten.
Mercenary Capital: Kapital, das nur bleibt, solange es bezahlt wird
Ein zentrales Phänomen ist das sogenannte «Mercenary Capital» – zu Deutsch etwa «Söldner-Kapital». Gemeint ist damit Kapital und Nutzung, die nur so lange im Ökosystem bleiben, wie sie direkte finanzielle Vorteile erhalten. Sobald die Förderprogramme auslaufen, die Yield-Programme unattraktiv werden oder das nächste heisse Projekt bessere Konditionen bietet, zieht dieses Kapital weiter.
Das Ergebnis: ein Netzwerk, das auf dem Papier aktiv aussah, verliert innerhalb weniger Monate einen Grossteil seiner Nutzer. Was bleibt, ist oft ein Schatten der einstigen Aktivität.
Token-Freischaltungen und Verkaufsdruck
Ein weiteres strukturelles Problem vieler VC-Blockchains sind sogenannte Token-Vesting-Pläne. Frühe Investoren und Gründer erhalten ihre Token häufig zu einem sehr günstigen Preis, aber sie werden über einen bestimmten Zeitraum gesperrt – man spricht von «Vesting». Wenn diese Sperren enden und grosse Mengen Token auf einmal in den Markt kommen, entsteht erheblicher Verkaufsdruck.
Dieser Verkaufsdruck drückt den Token-Preis, verunsichert die Community und macht es schwer, neues Vertrauen aufzubauen. Viele VC-finanzierte Projekte kämpfen genau mit diesem Muster: eine anfängliche Euphorie, gefolgt von einer langen Phase sinkender Preise und schwindender Community-Aktivität.
Kurzfristige Renditeinteressen
Venture-Capital-Firmen sind keine Philanthropen. Ihr Ziel ist eine Rendite auf ihre Investition – und das meist innerhalb eines überschaubaren Zeitrahmens von drei bis sieben Jahren. Diese Renditeerwartung steht nicht zwingend im Einklang mit dem, was ein Blockchain-Netzwerk langfristig braucht: Geduld, graduelle Dezentralisierung und den Aufbau echter Nutzung.
Wenn der Fokus auf kurzfristiger Wertsteigerung liegt, werden Entscheidungen oft danach ausgerichtet, was den Token-Preis steigen lässt oder was in der nächsten Finanzierungsrunde gut aussieht – nicht zwingend das, was dem Netzwerk langfristig nützt.
Warum native Blockchains langfristig stabil bleiben können
Auf den ersten Blick wirken native Blockchains oft weniger glamourös als ihre VC-finanzierten Mitbewerber. Kein grosses Marketing, keine bekannten Investoren als Bürgen, kein millionenschweres Ökosystem-Programm. Und dennoch zeigen manche von ihnen eine bemerkenswerte Langzeitstabilität.
Nutzung aus Überzeugung
Der wichtigste Vorteil nativer Blockchains ist, dass ihre Nutzer aus echtem Interesse da sind. Niemand zahlt ihnen dafür, das Netzwerk zu nutzen. Das bedeutet: Wer bleibt, glaubt wirklich an das Projekt. Diese Art von Community ist belastbarer, aktiver in der Entwicklung und weniger anfällig für kurzfristige Stimmungsschwankungen.
Keine Investor-Token-Strukturen
Ohne frühe Investor-Token gibt es auch keinen Vesting-Druck. Es gibt keine privilegierte Gruppe, die bei steigenden Kursen massenhaft verkaufen kann und damit den Preis nach unten drückt. Das macht die Token-Ökonomie nativer Blockchains strukturell fairer und stabiler.
Langfristige Motivation
Die Menschen, die an nativen Blockchains arbeiten, tun das in vielen Fällen nicht primär wegen einer schnellen Rendite. Ihr Antrieb ist die Überzeugung in das Projekt, die Technologie oder die gesellschaftliche Idee dahinter. Das führt zu einer anderen Entwicklungskultur: langfristiger, stabiler, nachhaltiger.
Natürlich bedeutet das auch, dass Fortschritte manchmal langsamer kommen. Ohne grosse Budgets dauert die Entwicklung von Infrastruktur und Ökosystem länger. Doch was entsteht, hat oft ein solideres Fundament.
Fazit: Zwei Modelle, zwei Zukunften
Native Blockchains und VC-Blockchains sind keine moralische Kategorie von «gut» und «schlecht». Es sind zwei grundlegend verschiedene Entwicklungsmodelle mit unterschiedlichen Stärken, Schwächen und Dynamiken.
VC-finanzierte Blockchains können schnell wachsen, grosse Ökosysteme aufbauen und technologisch beeindruckende Lösungen liefern. Sie haben die Ressourcen, um in kurzer Zeit viel zu erreichen. Ihr strukturelles Risiko liegt in der Abhängigkeit von subventionierter Nutzung, Investoreninteressen und Token-Mechanismen, die langfristig Druck erzeugen können.
Native Blockchains wachsen langsamer, aber ihre Grundlagen sind in vielen Fällen robuster. Wenn Nutzung aus Überzeugung entsteht, wenn keine privilegierten Investoren im Hintergrund auf ihre Rendite warten und wenn Dezentralität und Sicherheit echte Prioritäten sind – dann entsteht etwas, das nicht so leicht zusammenbricht.
Die Wahl zwischen diesen Modellen hat langfristige Konsequenzen: für die Netzwerkkultur, für die Governance-Strukturen, für die Art der Nutzung und für die Stabilität über Jahre und Jahrzehnte hinweg.
Als Nutzer oder Interessierter lohnt es sich, hinter die glänzenden Oberflächen zu schauen und sich zu fragen: Wer profitiert hier eigentlich? Wessen Interessen stehen im Vordergrund? Und welche Art von System soll langfristig bestehen bleiben?
Blockchains sind mehr als Technologie – sie sind auch eine gesellschaftliche Entscheidung darüber, wie wir dezentrale Systeme aufbauen wollen. Es lohnt sich, diese Entscheidung bewusst zu treffen.

