Serienübersicht:
Teil 1: ieStory 26022 - Die Abhängigkeit
Teil 2: ieStory 26023 - Die Verantwortung
Teil 3: ieStory 26024 - Die Würde (ca. ab 27.02.2026)
Du sitzt wieder am selben Tisch. Gleicher Stuhl, gleiche Tasse, gleiche Uhrzeit.
Nur dein Blick ist ein anderer geworden.
Seit du angefangen hast, genauer hinzuschauen, fällt dir etwas auf, das vorher immer da war, aber nie einen Namen hatte: Verantwortung. Oder besser gesagt: das, was man von dir Verantwortung nennt.
Du trägst sie ständig. Bei der Arbeit. Im Alltag. In Formularen. In Gesprächen.
Und doch fühlt sie sich seltsam hohl an.
Verantwortung klingt gut – solange man sie nicht tragen muss
In der Firma läuft etwas schief. Kein grosses Drama, kein Skandal. Ein Prozess greift nicht wie geplant. Eine Zahl stimmt nicht. Ein Kunde ist unzufrieden.
Du wirst ins Gespräch gebeten. Ruhig, sachlich. Niemand schreit. Niemand droht.
Man erklärt dir, dass du als zuständige Person verantwortlich bist.
Du nickst. Natürlich nickst du. Du bist ja erwachsen. Verantwortungsbewusst.
Aber innerlich beginnt etwas zu arbeiten.
Denn du erinnerst dich daran, wie diese Entscheidung zustande kam.
Nicht durch dich. Nicht einmal mit dir. Die Vorgaben kamen von oben. Die Zeit war knapp. Die Regeln fix. Du hast umgesetzt, was verlangt wurde.
Jetzt sitzt du da und hörst Sätze wie:
„Man hätte anders handeln müssen.“
„Hier erwarten wir mehr Sorgfalt.“
„Dafür tragen Sie die Verantwortung.“
Du gehst aus dem Raum und spürst dieses bekannte Ziehen im Bauch. Nicht Wut. Nicht Angst.
Etwas anderes.
Unstimmigkeit.
Schuld ohne Entscheidung
Am Abend gehst du die Situation noch einmal durch. Du bist nicht auf der Suche nach Ausreden. Du willst verstehen.
Du hattest keine Wahl.
Du hattest keine echte Entscheidung.
Aber du sollst die Folgen tragen.
Das ist der Punkt, an dem Verantwortung ihren Sinn verliert.
Denn Verantwortung ist kein Etikett, das man verteilt.
Sie entsteht nur dort, wo auch Entscheidungsmacht existiert.
Alles andere ist Haftung. Oder Gehorsam. Oder schlicht: Kontrolle von oben.
Der Alltag ist voll davon
Je länger du darüber nachdenkst, desto mehr Beispiele tauchen auf.
Du sollst dich finanziell verantwortungsvoll verhalten.
Aber Regeln ändern sich, Gebühren tauchen auf, Zugriffe werden eingeschränkt – ohne dein Zutun.
Du sollst selbständig planen.
Aber Fristen, Bedingungen und Rahmen sind so gesetzt, dass echte Wahl kaum existiert.
Du sollst für deine Entscheidungen geradestehen.
Aber viele dieser Entscheidungen wurden längst für dich getroffen.
Das System sagt: „Du bist verantwortlich.“
Aber es flüstert gleichzeitig: „Entscheiden tun wir.“
Verantwortung für Regeln, die andere gefällt haben
Je konkreter du hinschaust, desto klarer wird es.
Bei der Bank heisst es, du seist verantwortlich für alles, was über dein Konto läuft. Für jede Bewegung. Für jede Zahl. Für jedes Wort im Kleingedruckten.
Aber entscheiden darfst du nicht, wann dein Geld verfügbar ist. Nicht, welche Regeln gerade gelten. Nicht, welcher Algorithmus dich prüft.
Du trägst die Verantwortung –
aber die Regeln haben andere gemacht.
Es ist ähnlich mit dem, was du sagen darfst. Was du schreiben kannst. Welche Worte als „angemessen“ gelten.
Du sollst dich korrekt ausdrücken. Rücksichtsvoll. Regelkonform.
Und wenn du eine Grenze überschreitest, heisst es: Das ist deine Verantwortung.
Doch wer hat diese Grenze gezogen?
Wer entscheidet, was noch erlaubt ist – und was plötzlich nicht mehr?
Du warst es nicht.
Trotzdem bist du es, der sich erklären muss. Der Inhalte löscht. Der sich entschuldigt. Der lernt, vorsichtiger zu sprechen. Nicht aus Einsicht – sondern aus Angst vor Konsequenzen.
So entsteht eine merkwürdige Verschiebung:
Du bist verantwortlich für dein Verhalten,
aber nicht für die Regeln, nach denen es bewertet wird.
Man nennt das Ordnung. Sicherheit. Schutz.
Aber es fühlt sich an wie etwas anderes:
wie Verantwortung ohne Stimme.
Du lernst, dich anzupassen.
Nicht weil du überzeugt bist, sondern weil Abweichung teuer werden kann.
Nicht mit Verboten – sondern mit Ausschluss, Sperren, Unsichtbarkeit.
Und irgendwann merkst du:
Du bist nicht verantwortlich im Sinne von Gestaltung.
Du bist verantwortlich im Sinne von Haftung.
Absicherung als Ersatz für Vertrauen
Man erklärt dir das alles als Schutz. Als Sicherheit. Als Notwendigkeit.
Und ja, vieles davon ist gut gemeint.
Aber gut gemeint ist nicht immer gut gemacht.
Denn ein System, das alles absichert, nimmt dem Menschen auch etwas weg: die Möglichkeit, wirklich für sich selbst einzustehen.
Du wirst behandelt wie jemand, dem man Verantwortung zutraut – aber nicht Freiheit.
Wie jemand, der funktionieren soll – aber nicht wirklich bestimmen.
Und irgendwann beginnst du, dich selbst so zu sehen.
Der Moment, der alles kippt
Ein paar Wochen später bekommst du einen Brief. Keine Drohung. Kein Drama.
Eine Rückforderung.
Etwas, das du erhalten hast, sollst du zurückzahlen. Begründung: neue Bewertung, neue Regel, neue Auslegung.
Du liest den Brief zweimal. Dreimal.
Du hast nichts falsch gemacht. Du hast dich an alles gehalten. Und trotzdem bist du jetzt in der Pflicht.
Du rufst an. Fragst nach. Erklärst deine Situation.
Die Antwort ist höflich, aber klar:
„Die Verantwortung liegt bei Ihnen.“
Da ist er wieder, dieser Satz.
Und diesmal trifft er tiefer.
Denn du verstehst: Verantwortung wird hier nicht als Würde verstanden, sondern als Mittel.
Als letzte Schraube im System.
Ein anderes Gefühl von Verantwortung
Später sitzt du mit jemandem zusammen, der dir von einem anderen Rahmen erzählt. Nicht als Lösung. Nicht als Erlösung. Einfach als Erfahrung.
Er sagt:
„Dort gibt es keine Stelle, die dir sagt, du seist verantwortlich. Es passiert einfach.“
Er spricht von Infinity-Economics. Nicht technisch. Nicht begeistert. Sondern ruhig.
„Wenn ich dort etwas entscheide, dann trage ich die Folgen. Niemand federt es ab. Niemand korrigiert es für mich. Aber genau deshalb nehme ich es ernst.“
Du hörst zu.
Und merkst, dass du dieses Gefühl vermisst hast.
Nicht geschützt zu sein.
Sondern gemeint.
Verantwortung, die wieder Sinn macht
Als du selbst erste Erfahrungen machst, passiert nichts Spektakuläres.
Keine Belohnung. Kein Lob.
Aber etwas verändert sich in dir.
Du überlegst genauer.
Du handelst bewusster.
Nicht aus Angst vor Sanktionen – sondern weil es wirklich deine Entscheidung ist.
Fehler fühlen sich anders an. Nicht angenehmer. Aber ehrlicher.
Du kannst niemandem die Schuld geben. Und musst es auch nicht.
Verantwortung ist hier kein Druckmittel.
Sie ist eine Folge von Eigentum.
Die Erkenntnis dieses Teils
Du beginnst zu verstehen, warum sich so vieles im Alltag falsch anfühlt.
Nicht, weil du keine Verantwortung tragen willst.
Sondern weil man sie dir auferlegt, ohne dir echte Verfügung zu geben.
Verantwortung ohne Entscheidung ist keine Verantwortung.
Sie ist Verwaltung von Menschen.
Und Würde entsteht nicht dadurch, dass man jemandem sagt, er sei verantwortlich.
Sondern dadurch, dass man ihm zutraut, selbst zu entscheiden – und die Folgen zu tragen.
Ausblick
Du bist noch nicht am Ziel.
Aber du bist wacher geworden.
Du weisst jetzt:
Wenn alles entschieden wird, aber du haften sollst, stimmt etwas nicht.
Und du ahnst, dass es noch einen weiteren Schritt gibt.
Einen, der über Verantwortung hinausgeht.
Etwas, das man nicht verordnen kann.
Würde.

