Serienübersicht:
Teil 1: ieStory 26022 - Die Abhängigkeit
Teil 2: ieStory 26023 - Die Verantwortung
Teil 3: ieStory 26024 - Die Würde
Du sitzt wieder am Küchentisch. Nicht aus Gewohnheit, sondern weil du dort Platz hast. Platz zum Denken, ohne dass es sich anfühlt wie Grübeln.
Es ist kein besonderer Morgen. Der Kaffee schmeckt wie immer. Draussen fährt ein Lieferwagen vorbei. Nichts deutet darauf hin, dass sich etwas Grundsätzliches verändert hat. Und doch ist da dieses Gefühl, dass du anders in den Tag gehst als früher.
Nicht leichter.
Aber aufrechter.
In den letzten Wochen hast du vieles hinterfragt. Erst die Abhängigkeit, die dir auffiel, obwohl sie immer da war. Dann die Verantwortung, die man dir zugeschoben hat, ohne dich entscheiden zu lassen. Und jetzt stehst du an einem Punkt, den du lange nicht benennen konntest.
Würde.
Nicht als grosses Wort. Sondern als etwas Alltägliches, fast Unspektakuläres.
Ein anderer Umgang mit Entscheidungen
Auf dem Weg zur Arbeit kommt eine Nachricht rein. Eine Anfrage. Jemand möchte, dass du kurzfristig einspringst, etwas übernimmst, eine Verantwortung trägst. Früher hättest du fast automatisch zugesagt. Nicht weil du wolltest, sondern weil es von dir erwartet wurde.
Heute liest du die Nachricht zweimal. Du überlegst. Du spürst, dass du entscheiden darfst.
Und du sagst Nein.
Nicht erklärend. Nicht entschuldigend. Sondern sachlich. Weil es deine Entscheidung ist und du die Folgen tragen kannst.
Das Nein fühlt sich nicht trotzig an. Es fühlt sich ruhig an. Und zum ersten Mal merkst du: Würde hat nichts mit Lautstärke zu tun.
Wenn Fehler nicht mehr entmündigen
Ein paar Tage später machst du einen Fehler. Kein grosses Drama, aber genug, dass er sichtbar wird. Etwas läuft nicht wie geplant, eine Entscheidung war nicht optimal.
Du merkst, wie dein alter Reflex kurz auftaucht. Der Impuls, zu erklären, zu rechtfertigen, auf Umstände zu verweisen. Doch er bleibt stecken.
Denn diesmal gibt es niemanden, hinter dem du dich verstecken musst.
Und niemanden, auf den du zeigen kannst.
Es war deine Entscheidung. Und das weisst du.
Du korrigierst den Fehler. Du sprichst ihn an. Du trägst die Konsequenzen. Nicht aus Pflichtgefühl, sondern weil es sich richtig anfühlt.
Das ist neu.
Nicht angenehm. Aber ehrlich.
Sicherheit ist nicht Würde
Früher hast du geglaubt, Würde habe mit Sicherheit zu tun. Mit Systemen, die auffangen, regulieren, absichern. Mit Regeln, die verhindern, dass man zu hart fällt.
Heute siehst du das anders.
Diese Systeme können schützen. Ja.
Aber sie können auch klein machen.
Denn sie nehmen dir oft genau das, was Würde erst möglich macht: echte Entscheidung.
Du verstehst jetzt, warum sich vieles so leer angefühlt hat. Warum Verantwortung ohne Verfügung nur Druck war. Warum Absicherung ohne Wahl etwas Entmündigendes hatte.
Würde entsteht nicht dort, wo alles geregelt ist.
Sondern dort, wo man dir zutraut, selbst zu handeln – und mit den Folgen zu leben.
Eigentum als innerer Wendepunkt
Es geht dabei nicht um Besitz im klassischen Sinn. Nicht um Dinge, nicht um Reichtum. Es geht um Verfügung. Um den Unterschied zwischen „du darfst nutzen“ und „es gehört dir“.
Dort, wo dir etwas wirklich gehört, ändert sich dein Verhalten. Nicht, weil jemand zuschaut. Sondern weil du dich selbst ernst nimmst.
Du gehst anders mit Entscheidungen um. Du wirst vorsichtiger, aber nicht ängstlicher. Du wirst klarer, aber nicht härter. Du handelst nicht perfekter – aber bewusster.
Und genau darin liegt Würde.
Freiheit ist nicht bequem
Es gibt Momente, da vermisst du die alte Bequemlichkeit. Die Hotline. Die Stelle, die entscheidet. Die Sicherheit, dass jemand anders zuständig ist.
Aber du weisst inzwischen: Diese Bequemlichkeit hatte ihren Preis. Und der Preis war hoch.
Denn Freiheit bedeutet nicht Komfort. Sie bedeutet Zumutung. Sie verlangt, dass du dich nicht versteckst.
Und trotzdem – oder gerade deshalb – willst du sie nicht mehr eintauschen.
Der Kreis schliesst sich
Wenn du zurückblickst, erkennst du den Weg klarer, als du ihn gegangen bist.
Zuerst die Abhängigkeit, die du kaum bemerkt hast.
Dann die Verantwortung, die man von dir verlangte, ohne dich entscheiden zu lassen.
Und jetzt die Würde, die nicht gegeben wurde, sondern entstanden ist.
Nicht durch Kampf.
Nicht durch Forderungen.
Sondern durch Besitz im eigentlichen Sinn.
Du hast verstanden, was lange falsch war.
Nicht Armut.
Nicht Ungleichheit.
Nicht Unsicherheit.
Sondern ein Leben, in dem man alles nutzen darf – aber nichts wirklich besitzt.
Die Schluss-Pointe der Serie
Und am Ende bleibt ein Gedanke stehen. Still. Klar. Unausweichlich.
Wer nichts besitzt, dem kann man alles nehmen – sogar die Würde.
Und wer alles nur nutzen darf, wird nie wirklich frei sein.

